das Netzbuch

das Netzbuch war von Mai 2002 bis November 2006 das Weblog von Ralf G.
Seit Dezember 2006 bloggt er auf uninformation.org.

E-Mail: ralle (at) das-netzbuch.de. Jabber: leralle@jabber.ccc.de.

Archiv - August 2006

Item Nº 2606

Montag! Web-Montag! Live!

Ich bin schon wieder auf einem Web-Montag, diesmal in Karlsruhe. Und weil das so sensationell ist, wird es auch live mitgetippert, damit die Welt an den Ereignissen in der Fächerstadt teilhaben kann! ;-)

Nachschlag: Beim live mittippen kam mir der Gedanke, dass ein Live-Textile-Interpreter auf dem Webserver für solche Einsatzzwecke ein Desiderat ist. Live mitschreiben in einem Textfeld eines Blog-Systems im Browser geht nicht, es muss schon ein Editor sein. Und es wäre doch fein, wenn man eine Textile-Datei einfach auf den Server wirft und beim Tippen aktualisiert, und sie dann automatisch interpretiert wird.

Ansonsten war der Karlsruher Web-Montag wieder eine rundherum gelungene Veranstaltung, interessante Vorträge, und auch das »Networking« kam nicht zu kurz. Und ein herzliches Danke schön für die schöne Lokation geht an Johannes und seine Mitstreiter von Kubik, ich denke, der Karlsruher Web-Montag hat seine Stamm-Lokation gefunden.

Item Nº 2605

Unterwegs im Irrenhaus

Heute abend: S1, Frankfurt nach Wiesbaden. Die Bahn fährt in den Bahnhof Frankfurt-Höchst ein, als es heisst: »Aufgrund einer behördlichen Anordnung endet die Fahrt der Linie S1 heute in Frankfurt-Höchst.« Strammstehend (hey, »behördliche Anordnung«!) verließen wir Fahrgäste das Schienengefährt, wurden zu einem anderen Bahnsteig komplimentiert. Zehn Minuten später entert die allzeit bereite Staatsmacht in Form zweier beindruckend voluminöser Polizisten den Bahnsteig, spaziert einmal von Vorne nach Hinten, beratschlagt sich, spaziert einmal von Hinten nach Vorne durch die leere S-Bahn, beratschlagt sich erneut. Kurz darauf heisst es: »Na gut, S-Bahn endet doch nicht hier, weiter fahren.«
Dreißig Minuten hat dieser Spaß gekostet. Was die beiden Herren bei ihrem Spaziergang hätten entdecken wollen, bleibt der Spekulation des Betrachters überlassen. Vielleicht waren sie auf der Suche nach einer Tüte?

Die Terrorhysterie nimmt wirklich beeindruckende Ausmaße an, ständig hört man Durchsagen, man soll sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen lassen. Dem sollte man tunlichst Folge leisten, möchte man vermeiden, die eigenen schmutzigen Socken mit einer Wasserkanone quer durch den geräumten Bahnhof fliegen zu sehen, nur weil man seinen Koffer drei Meter neben der Kaffeebude stehen gelassen hat.

Realistisch betrachtet braucht man sich nicht vor Terror fürchten. Aber vor jenen in Amt und Würden, die uns angeblich schützen wollen, vor denen schon. Und es ist an der Zeit, seine E-Mail zu verschlüsseln, sofern man das nicht sowieso schon macht.

Item Nº 2602

Es ist Sonntag und Ihr habt ein Recht auf ein Gargoyle-Bild

Gargoyle an der Grabkapelle 3

Item Nº 2601

Schland-Fahnen runter!

Erst wenn der saure Regen mit dem vorherbstlichen Wind endlich die letzte Schland-Fahne vom tiefergelegten Kleinwagen gefetzt hat, werdet Ihr merken, dass man ohne solide Abwehr nicht gewinnen kann…

Gestern startete also endlich wieder die Bundesliga, die Samstage ohne Sinn sind erst einmal vorüber. Und damit auch dem Letzten klar wird, dass die WM-Fußball-Party vorbei ist, ließ die Spaßbremse Magath unser aller Liebling Poldi auf der Bank hocken und stellte vor die Abwehrkette mit Ottl und Heargraves gleich zwei defensive Renner ins zentrale Mittelfeld, Resultat: Bayern gewinnt ein Spiel zum Abschalten gegen chancenlose Dortmunder, ohne auch nur ansatzweise in Gefahr zu kommen. Willkommen im Fußball-Alltag!

Gleich geht es richtig los, wenn die Borussia aus Mönchengladbach ins Geschehen eingreift. Was darf man von ihr erwarten? Keiner weiß es so genau, man kann eine gewisse Skepsis herauslesen. Wird Jupp Heynckes, Idol aus der Zeit der OGF (Original Gladbacher Fohlen), gemeinsam mit dem Messias nun das glorreiche Zeitalter der NGF (Neue Gladbacher Fohlen) anbrechen lassen?
Ich erwarte eine Spielzeit ohne Krisen und eine Position im einstelligen Bereich mit zeitweiligem Kontakt an die europäischen Fleischtöpfe, das ist sicher realistisch!

Wer wird Meister? Ich fürchte fast, die Bayern. Mannschaften wie Schalke, Bremen oder dem HSV fehlt das, was Uns Klinsi vorgelebt hat: Der bedingslose Glaube und Hingabe an das maximale Ziel. Wenn ich in der letzten Saison gesehen habe, wie z.B. der HSV die entscheidenden Partien verliert, als es noch mal scheinbar eng wurde für die Bayern, und sich Thomas Doll dann hinstellt und »och ja, mehr war halt nicht drin, ist trotzdem alles gut, brasel brasel, bla bla« in die Kameras brabbelt, fehlt mir jegliches Verständnis. So wird man nicht Meister!

Und wer steigt ab? Hoffentlich nicht Borussia! Der Erzrivale aus Aachen? Ein guter Kandidat! Nach dem Geißbockklub gleich den nächsten ungeliebten Lokalrivalen eine Liga tiefer abzugeben, wäre ne gute Sache.
Und Cottbus bitte gleich dazu, niemand will Cottbus. Man konnte das leicht verzweifelte Stöhnen in ganz Deutschland hören, als die grauesten aller grauen Mäuse aufgestiegen sind…

Übrigens: Wenn Borussia nicht absteigt, sprich, mehr als 27 Punkte holt, überholt sie in dieser Spielzeit den 1. FC Kaiserslautern (es gibt halt keine Bundesliga im Pfälzer Wald ;-)) in der Ewigen Tabelle und platziert sich auf Rang 5!

So, nun geht es los, Samstag Nachmittag, 15:30 Uhr, die Zeit, wo man weiß: Unser Freund ist aus Leder!

Item Nº 2600

Ein Haufen Irrer

Die Musikindustrie stellt sich, jeden Tag ein Stückchen mehr, als ein Haufen Unzurechnungsfähiger dar:

  1. laut.de – »Copyright: Gitarrentabs im Visier der ‘Fahnder’«.
  2. Mixtapes sind wie Ladendiebstahl

Macht nur weiter so. Sind ja nur die Fans, von denen Ihr lebt, die Ihr kriminalisiert. Es wird so langsam der Punkt erreicht, an dem ein Boykott der Major-Labels und massenhaftes illegales Heruntersaugen von Musik als legitimer Akt des Widerstands aufgefasst werden könnte.

Schaut Euch doch an, was die geregelt bekommen haben, seit es das Web gibt. Nichts! Ohne Apple gäbe es keinen funktionierenden Download-Shop. In den glitzernden Hochhäusern der Medienmulties sitzen saturierte Gestalten, die meinen, sie hätten ein selbstverständliches Recht darauf, dass ihre Kunden einfach die Schnauze halten und ihr Zeug kaufen. Major-Labels sind unten durch. Ein Krebsgeschwür, das entfernt werden muss. Und wenn es durch die Macht der Konsumenten mit ihrer Geldbörse ist.

Item Nº 2599

Ethik!

»If you’re operating as a peer in a peer-based environment then it seems to me that you should basically be trustworthy and that has to mean that you have to make it clear that you’re not for sale.«

Großartig: Tom Coates – »On Ethical Weblogging (Part Two)«.

Würde bitte jemand diesen Artikel zu Papier bringen, vervielfältigen und Jenen in die Hand drücken? Also Jenen, die in ihren Blogs wortreich vorurteilsfreie Begeisterung bei Neuem einfordern (vorzugsweise bei ihrem Neuem, was in der Regel mit Uraltem zu tun hat), und sich im Grunde doch einfach nur waschen wollen, ohne nass zu werden…

Item Nº 2598

Terror und Glaubwürdigkeit

Dass die Londoner Terrorgeschichte gleich in den politischen Kochtöpfen der einheimischen üblichen Verdächtigen zum Zwecke der Zubereitung eines ekligen Süppchens landen würde, war so klar wie der Flüssigsprengstoff in der Shampooflasche des Terroristen.

Mich würde mal ein Meinungsbild interessieren: Glaubt Ihr vorbehaltlos, dass sich das alles so verhält mit den verhinderten Anschlägen? Nur Zufall, dass der britische Innenminister unsere Bürgerrechte einer angeblichen »Sicherheit« opfern möchte, politischen Gegenwind in der EU bekommt und darum die passende Bedrohung zeitnah nachliefert?

Item Nº 2597

Landungsbrücken raus

Auf geht’s nach Bonn! Männer mit Gitarren aus Norddeutschland geben sich die Ehre, das Line-Up lässt dem Eingeweihten das Wasser im Munde zusammen laufen. Und die leibhaftigen Weakerthans geben sich die Ehre, Ihr wisst schon, »... als die kanadische Band ihre traurigen Lieder sang…«

Update: Großartig war’s! Nur dass man am Eingang die Kamera abgeben musste, weil ein großer Eiweißklotz (diese Security-Typen sollte man lieber nicht zur Doping-Probe schicken, dagegen ist Floyd Landis garantiert »clean«) am Eingang das so will, und sie, die Kamera, halt groß und mächtig ist, war ungut. Deshalb auch fast den ganzen Auftritt von Felix Gebhardt alias Home Of The Lame verpasst. Das mit der Kamera hat mich auch während Pale (Daumen nach unten, der Sänger arbeitet wohl an einem Bewerbungsvideo für die Guano Apes mit seinem ständigen infantilen Gehampel) noch geärgert.
Dann kamen aber Olli Schulz und der Hund Marie, und an Kamera habe ich gar nicht mehr gedacht. Nur Olli Schulz bringt eine Menschenmenge dazu, sich freiwillig in den Staub zu knien. Großartiger Bursche. Demnächst kommt übrigens ‘ne Platte vom Hund Marie aka Max-Martin Schröder. Und im November ein neues Album von Olli Schulz.
Dann die Weakerthans, ihren gefälligen Weisen lauschte ich aus der Ferne, wir mussten uns etwas entspannt niederlassen und ein wenig Nahrung zu uns nehmen. Denn Kettcar und Tomte, die danach kamen, verlangen auch dem Publikum alles ab.
Das lakonische Rocken von Kettcar, optisch wie altgewordene Physikstudenten wirkend, ihre Texte voller Seele unter eine Fassade der Kryptik verborgen, reißen immer wieder auf’s Neue mit, auch nach nur einer Woche Pause.
Und dann Tomte. Thees an der Weinflasche nuckelnd, große wirre Reden haltend, um sich dann ob der zweifelnd schauenden Mitmenschen auf und vor der Bühne lieber die Gitarre zu greifen und ein großartiges Stück zu spielen.
Schönes Festival, und wie immer bei Konzerten mit Bands der Indie-Männer-mit-Gitarren-Fraktion, eine entspannte, friedliche proletenfreie Atmosphäre. Wie pflegt Marcus Wiebusch immer zu sagen: »I will remember!«

Update 2: Auch den Bonnern hat es gefallen.

Item Nº 2596

Keine Lieder über Uhren


Jeder kennt sie, niemand mag sie, sie preisen Aktien obskurer Klitschen aus Übersee oder Replikas ebenso kitschiger wie hochpreisiger Armbanduhren an: Die Spam-E-Mails, die aus Bildern zu bestehen scheinen, aber weder vom SpamAssassin noch von Apple Mail als Spam aussortiert werden. Und noch viel schlimmer, selbst wenn man eingestellt hat, dass Bilder in HTML-E-Mails nicht automatisch dargestellt werden sollen, leuchten diese Biester einen frech aus dem Posteingang an: Kurz und gut, sie sind ein echtes Ärgernis, das selbst den friedlichsten Benutzer zum axtschwingenden Amokläufer machen kann.

Aber nun nicht mehr, hoffe ich zumindest, denn Hawk Wings, das Problematisierblog Nr.1, wenn es um Apple Mail geht, hat einen Ansatz für eine Regel gefunden, die den lästigen Störenfrieden den Garaus machen soll.

Das Anlegen der Regel ist ein bißchen trickreich, denn Apfel-Userlein muss zunächst eine bestimmte Header-Information für die Regeln zugänglich machen. Dazu klickt man im »Regeln«-Dialog, den man natürlich unter »Einstellungen« findet, in die Auswahl-Box für die Bedingungen und wählt den letzten Punkt, »Header-Liste bearbeiten« aus:

Dann erscheint ein weiterer Dialog, hier muss »Content-Type« engetragen werden:

Jetzt kann man Regeln auf diesen Header hetzen, dazu vervollständige man die Regel nach dem Muster:

Was macht die Regel? Sie schaut nach, ob es einen Header »Content-Type« gibt, der »multipart/related« enthält. Da der Artikel von »Hawk Wings« vor der Möglichkeit von fälschlich als Spam eingeschätzten E-Mails warnt, verschiebt meine Regel die verdächtige Nachricht in den Ordner »Werbung« und versieht sie mit einem dekorativen Hintergrund in Lila, damit man sie leichter in der Liste unerwünschten Gedönses überprüfen kann. Seit ich die Regel habe, kam aber noch keine einzige dieser E-Mails ins Postfach gerauscht. Wen die Resultate interessieren: Einfach auf Updates dieses Artikels achten.

Item Nº 2595

Die Schönheit der Chance

Web-Montag in Stuttgart

Man ist seinem Ruf einiges schuldig. Darum führte die nächste Station der Web-Montag-Tournee nach Stuttgart, für mich persönlich die dritte Web-Montags-Stadt nach Frankfurt und Karlsruhe. Jeder Web-Montag hat seinen ganz eigenen Charakter. Frankfurt ist das Geek-Treffen im alternativen Ambiente der Brotfabrik, Karlsruhe das Familientreffen der lokalen Szene, die sich im Prinzip sowieso kennt, und Stuttgart erinnert an eine akademische Veranstaltung.

Natürlich gab es auch Vorträge, die Jan Theofel, als Mann mit Notebook und Netz-Verbindung zum Live-Protokollanten ausgeguckt, bravourös live mitgebloggt hat.

Dirk Baranek, Online-Journalist, eröffnete den Abend mit einem Vortrag zum Thema Online-Journalismus. Und präsentierte sein angeblich wichtigstes Arbeitsgerät (nein, nicht Strg-V bzw. Apfel-V ;)): Ein prächtiges altes analoges Telefon mit Wählscheibe. Kenne ich noch aus eigener Nutzung, wir hatten ja damals nix. Die Präsentation des Telefons symbolisierte mit dem visuellen Hammer, wo die Reise seines Vortrags hingehen sollte: Hier die klassischen Journalisten, bestens ausgebildet und von der eigenen journalistischen Ethik angehalten zu Recherchetiefe, Nachfragen, Zurückstellen der eigenen Meinung und der strikten Trennung von Kommentar und Information. (Es bleibt dem Leser vorbehalten, dieses hehre Bild an der Realität einer beliebigen von Journalisten befüllten Online-Publikation zu überprüfen.) Dort die Blogger in ihrer puren Subjektivität, die sich einbilden, ihr Treiben wäre so etwas wie Journalismus. Was Journalisten können, können nur Journalisten. Das ist wohl die amtliche Sichtweise der Profession. Ich fürchte, Journalisten nehmen das, was derzeit im Web passiert, nicht unbedingt als »Chance« wahr…

Der direkt folgende Vortrag von Oliver Gassner, zum Thema “User Generated Content” passte perfekt dazu. Oliver referierte über die Krisensymptome der Zeitungen, die das Feld des Lokaljournalismus aus Kostengründen nach und nach verlassen. Somit entstehen Städte und Kreise, die keine Medien mit lokalen Themen mehr haben. Im Gegenzug »boomen« Weblogs, alle 18 Monate verdoppelt sich ihre Anzahl. Zeitungsverlage bauen Weblogs in ihre Online-Angebote ein, und lassen sie zumindest teilweise von »Nicht-Journalisten« befüllen. Freiwillige unbezahlte Blogger übernehmen die Rolle der bezahlten Lokaljournalisten. Aber auch ohne Verlag dahinter haben Weblogs Potenzial in den Gebieten, die bisher von Journalisten besetzt waren: Sie können als »Anti-Gatekeeper« fungieren, als Bürgerjournalisten, Watchblogging betreiben oder Agenda-Setting betreiben.
Agenda-Setting? Kein Journalist einer lokalen Zeitung wohnte im offiziellen Auftrag der Veranstaltung bei. Die redaktionellen Gatekeeper haben entschieden: Thema irrelevant. Hier kommen nun die Blogger als Anti-Gatekeeper ins Spiel (Zitat Oliver Gassner): »Wenn wir alle drüber bloggen, haben wir ‘nen Effekt.« Und werden wahrgenommen. Agenda-Setting ohne die selbsternannten hauptamtlichen Agenda-Setter!

Diese Gegenüberstellung war für mich der interessanteste Aspekt der Vorträge. Was es sonst noch so gab hat, wie gesagt, Jan bereits bestens zusammengefasst. Generell wirkt der Web-Montag in Stuttgart ein wenig »akademisch« überorganisiert. Man sollte daran denken, dass ein Web-Montag eine Veranstaltung von Mitwirkenden für Mitwirkende ist, und keine »von oben« gesteuerte Veranstaltung, in der ein Zentralkomitee zählt und bestimmt, wie viele technische und untechnische Vorträge gehalten werden dürfen.