das Netzbuch

das Netzbuch war von Mai 2002 bis November 2006 das Weblog von Ralf G.
Seit Dezember 2006 bloggt er auf uninformation.org.

E-Mail: ralle (at) das-netzbuch.de. Jabber: leralle@jabber.ccc.de.

Item Nº 2126

Die perfekte Welle, oder: Betroffenheitsrituale

Auf Reisen und auf Konferenzen wie 21C3 lebt man wie in einem Raumschiff, man bekommt kaum etwas mit von all’ den Dingen, die sich in der Welt so tun. Darum habe ich diese erstaunliche Meldung bei IT&W von der Verbannung von Julis Die perfekte Welle aus den Radioprogrammen erst jetzt wahrgenommen. Wäre auch erstaunlich gewesen, wenn die notorisch Berufsbetroffenen nur dieses eine Mal ihr Maul gehalten hätten. Direkt, nachdem sie die Sensibilität schubweise überfiel, halten sie darüber eine Pressekonferenz ab …

Es ist jedes Mal, wenn etwas Schlimmes auf der Welt passiert, das gleiche Spiel. Professionelle Betroffenheitsritualmeister geben uns die Richtung vor, was wir nun dürfen und was nicht. Juli hören, z.B., dürfen wir nicht. Daran haben wir uns zu halten, wollen wir nicht als unsensible Schweinebacken gelten. Ohne Worte. In dem Zusammenhang: Mosaikum – »Zur sogenannten Medialität von Katastrophen«. Und: Burningbird – »You must wear appropriate behavior at all times«

Gut, verzichten wir also auf die Perfekte Welle. Davon hat aber keine einzige obdachlose Familie im Krisengebiet ein Dach über dem Kopf, damit wird niemandem geholfen. Darum darf ich nun, statt mich hier in Befindlichkeitstiraden zu ergehen, lieber noch einmal dezent auf »10 Euro für die Opfer der Flutkatastrophe« hinweisen.

Oder alternativ, auf den Aufruf im Ethno::log des Professors am Institut von Blogger KerLeone: »Seebeben—Hilfe für Südindien«.

Helfen wir lieber jenen zu helfen, die das professionell können und tun (ohne Pressekonferenzen zu geben), statt uns im ekelhaften Sud der selbstreferenziellen Betroffenheitslyrik zu wälzen, die in Wirklichkeit niemandem hilft.

  1. Trackback von Sperrobjekt Weblog:
    Oh Mann ...

    ... ich sollte langsam schlafen gehen. Erst soll mehr deutsche Musik aus deutschen Radios erklingen, aber dann passt es irgendwie doch nicht mehr so richtig. Und englische Texte, wie steht es zum B...
    Sperrobjekt Weblog    4.01.05    #
  2. Du sprichst mir aus der Seele. Vor allem damit, dass man an den Ritualen keine Kritik üben darf ohne als Idiot gesehen zu werden. Besonders auf den Geist gehen mir die Titelstories der Boulevardpresse über die Stars die vom Unglück betroffen waren. Als ob für die die Folgen schlimmer wären, als für normale Menschen…
    Matthias    4.01.05    #
  3. Ja. Sobald es eine Katastrophe gibt, stehen die “Propheten des Unheils” auf und deklarieren, dass sie es schon immer wussten und fordern Betroffenheit ein. Ich finde, man kann sämtliche Betroffene aller Welten einfach ignorieren. Übrigens, Indien will gar keine Hilfe und es wurde schon genug Geld gesammelt, um allen im Tsunami-Gebiet zu helfen. Aber vielleicht ist es wie in dem Erdbebengebiet im Iran: Bis heute haben die sogenannten Opfer nichts von all den Spenden damals bekommen.
    bl    4.01.05    #
  4. “Bis heute haben die sogenannten Opfer nichts von all den Spenden damals bekommen.”

    Auf welche Quellen berufst Du Dich da?
    dee    4.01.05    #
  5. an dee

    Das haben die Leute, die dort leben, gesagt. Es wurde auch nichts Nennenswertes wieder aufgebaut. Das gibt doch zu denken. Ich jedenfalls würde mal gerne wissen, wohin die Spendengelder fließen…
    bl    4.01.05    #
  6. Trackback von parasew.com:
    Flutkatastrophen-Tsunami-Soundtracks

    Das globale Rennen für den Tsunami Soundtrack zum '2004 Indian Ocean earthquake hat begonnen: "[..]Jetzt versuchen allerdings zahlreiche TV- und zunehmend auch Radiosender, ihren eigenen Flut-Song zu finden. Die RTL-Gruppe zeigt unter anderem auf n-tv einen Trailer,...
    parasew.com    6.01.05    #

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